Mariä Empfängnis - bei den einen ein Feiertag, bei anderen kaum bekannt und falsch verstanden

Anna Selbdritt aus dem 16. Jahrhundert, das Foto der Holzskulptur entstand im Oktober 1956 bei einer Ausstellung in Telgte. Foto: LWL-Archiv/ Gerda Schmitz

8.12.2015 - Westfalen (lwl). Kinder freuen sich besonders auf den sechsten Dezember, wenn sie am Morgen die Süßigkeiten entdecken, die der Nikolaus ihnen gebracht hat. Für gläubige Katholiken ist auch der 8. Dezember ein bedeutender Tag, denn an diesem Tag wird Mariä Empfängnis gefeiert. "Das Fest wird bis heute oft falsch verstanden", erklärt der Volkskundler Jakob Smigla-Zywocki vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Denn eigentlich heiße es "Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria", und feiere somit nicht die Empfängnis Jesu durch Maria, sondern die Empfängnis Marias durch ihre Mutter Anna. Bei dem Fest gehe es also darum, dass Maria durch göttliche Erwählung vom Zeitpunkt ihrer Zeugung an ohne Sünde war, so der Mitarbeiter der Volkskundlichen Kommission weiter.

Bereits seit dem 7. Jahrhundert wurde in der römisch-katholischen Kirche das Fest als "Empfängnis der heiligen Anna" gefeiert. Über Unteritalien gelangte es zunächst nach Frankreich und England und wurde unter Papst Sixtus IV. 1476 als Fest der "Empfängnis der unbefleckten Jungfrau Maria" offiziell eingeführt. Unter Papst Pius IX. wurde 1854 die Lehre der unbefleckten Empfängnis verstärkt verbreitet, wodurch auch die Bedeutung des Festes stark zunahm. Inhalt ist laut Pius IX. der Glaube, dass "Maria durch ein einzigartiges Gnadenprivileg des allmächtigen Gottes von jedem Makel der Erbschuld bewahrt worden ist". Vor allem im 19. Jahrhundert gewann Maria als Beispiel für ein katholisches Frauenleben an Bedeutung. Sie steht für Demut und Reinheit und fungiert als Vorbild des Glaubens. Auch bei den Fürbitten nimmt sie als Mittlerin zwischen Gott und dem Gläubigen eine wichtige Rolle ein. "Indem man die Herkunft Mariens im Heiligenkalender thematisierte, erreiche man zweierlei: zum einen wurde die Besonderheit Marias, die aus einem priesterlichen Geschlecht stammt, hervorgehoben, zum anderen gab man all den Frauen Hoffnung, die wie Anna ungewollt kinderlos waren", so Smigla-Zywocki. So soll Anna ihre Tochter Maria erst nach 20-jähriger Ehe empfangen haben. Deshalb ist sie die Patronin der Mutterschaft, und seit 1556 ist der Annaberg bei Haltern am See ein bedeutender westfälischer Wallfahrtsort.

"Die Betonung der Herkunft der Muttergottes stützt das Dogma der unbefleckten Empfängnis Mariens und war deshalb ein wichtiger Aspekt der Marienverehrung im 19. Jahrhundert", so Smigla-Zywocki. Deutlich gemacht wurde das in der christlichen Kunst durch die gemeinsame Darstellung der heiligen Anna mit der heiligen Maria und dem Jesuskind als sogenannte "Anna Selbdritt". Selbdritt bedeutet hierbei Teil einer Dreiergruppe.

Die Marienverehrung nimmt traditionell in katholischen Gemeinden in Westfalen eine große Rolle ein. Ein Beispiel hierfür ist das überregional bekannte Gnadenbild der schmerzhaften Muttergottes in Telgte (Kreis Warendorf), zu dem jährlich bis zu 100.000 Wallfahrer pilgern. Das Gnadenbild aus dem 14. Jahrhundert macht Telgte zu einem der bedeutendsten Wallfahrtsorte des nordwestdeutschen Raums. In Warendorf wird alljährlich am 15. August zu Mariä Himmelfahrt die Marienverehrung mit einer Kirmes und einem Bürgerschützenfest gepflegt. Überregionale bekannt ist dabei der reichhaltig geschmückte und illuminierte Marienbogen. Mariä Empfängnis ist im Gegensatz zu Deutschland in Österreich sogar ein gesetzlicher Feiertag. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde dieser aufgrund einer Unterschriftenaktion mit 1,5 Millionen Unterzeichnern wieder eingeführt, nachdem er unter den Nationalsozialisten zunächst abgeschafft worden war.