Wanderarbeit: Mensch - Mobilität – Migration

Neue Ausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum

 

http://www.lwl.org/pressemitteilungen/daten/bilder/54889.jpgUnter dem Titel "Heimweh" geht es um die Geschichte der Gastarbeiter. Foto: LWL/Hudemann

28.3.2015 - Bochum (lwl). In den nächsten Wochen, wenn der Spargel auf den Feldern zur Ernte ansteht, sieht man sie wieder: Kolonnen von Spargelstechern, die von früh bis spät auf den Feldern arbeiten und in Wohnwagen leben, solange die Saison läuft. Die polnischen Wanderarbeiter stehen für ein Phänomen, das heute genauso wie in der Geschichte zu beobachten ist. Den Gründen und Folgen der Arbeitswanderung damals wie heute geht die Ausstellung "Wanderarbeit. Mensch - Mobilität - Migration" nach, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bis zum 19. Juli in seinem Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum zeigt. "Die Ausstellung zeigt Arbeit als eine wichtige Triebfeder für Migration in Geschichte und Gegenwart. Damit verbindet sie die beiden Schwerpunktthemen unseres Museums: Industriekultur und Migrationsgeschichte", erläutert LWL-Museumsleiter Dietmar Osses.


Die Ausstellung "Wanderarbeit" setzt historische Wanderberufe in Szene und stellt ihnen aktuelle Berufsfelder entgegen: Scherenschleifer, Schausteller, lippische Wanderziegler und Heringsfänger, Amerika-Auswanderer, italienische Eismacher und Gastarbeiter aus Südeuropa stehen für die Wanderarbeit in der Geschichte. Als Arbeitsmigranten heutiger Tage werden osteuropäische Bauarbeiter, rumänische Pflegekräfte, Berufspendler und Flüchtlinge auf Lampedusa vorgestellt.


Das Spektrum der Exponate reicht vom Fahrrad eines Scherenschleifers über das Spielkarussell eines Schaustellers, eine historischen Eismaschine bis hin zu angeschwemmten Habseligkeiten der Menschen, die versuchen, aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen und auf der italienischen Insel Lampedusa stranden. Film- und Tondokumente zeigen das Leben der schlecht bezahlten Wanderarbeiter auf Baustellen in Deutschland und präsentieren die Erinnerungen von Gastarbeitern an ihre ersten Jahre in Deutschland.


Eines ist den Arbeitsmigranten damals wie heute gemeinsam: Sie wandern, weil ihr Beruf es erfordert oder weil sie in der Heimat nicht genügend Arbeit finden. Neben Armut, wirtschaftlicher Not, Karriereaussichten oder der Lust auf Abenteuer und Veränderung spielt heute auch immer öfter die Globalisierung des Arbeitsmarktes eine große Rolle. "Die mobile Arbeitsgesellschaft hat heute viele Gesichter", weiß Osses. "Gut qualifizierte Spezialisten in internationalen Konzernen müssen immer öfter für Monate, Jahre oder Jahrzehnte der Arbeit hinterher ziehen. Gleichzeitig entscheiden sich viele Menschen aufgrund des großen Gehaltgefälles innerhalb Europas, ihre Heimat zu verlassen. Und hunderttausende von Menschen nehmen jeden Tag stundenlange Fahrten in Kauf, um Beruf und Wohnen in der gewünschten Umgebung in Einklang bringen zu können", so Osses weiter.

 

http://www.lwl.org/pressemitteilungen/daten/bilder/54892.jpgKein anderes Land übte auf deutsche Auswanderer eine so große Faszination aus wie die USA. Unter dem Titel "Aufbruch" thematisiert die Ausstellung dieses Kapitel.
Foto: LWL/Hudemann

Historische und moderne Arbeitswelten

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen das Leben der Menschen und die Folgen der Arbeitswanderung für die Gesellschaft. Jede Abteilung greift zentrale Aspekte wie Aufbruch, Hoffnung, Angst, Heimat, Sehnsucht, Heimweh, Mobilität, Fernweh, Flucht, Neubeginn oder Fremde auf und stellt sie in einen historischen und in einen aktuellen Zusammenhang.


Die Ausstellung Blick weit in die Geschichte und Gegenwart und stellt dabei auch Fragen an die Zukunft: Welche Folgen wird es für Familien und Freundschaften haben, wenn sich Arbeit weiter globalisiert? Was bedeutet die Arbeitnehmerfreizügigkeit in Europa für Rumänen und Bulgaren? Wird sich die Konkurrenz zwischen unterschiedlich bezahlten Arbeitskräften in Europa und Asien noch weiter verstärken? Konkurrieren die polnischen Erntehelfer bereits mit noch günstigeren Arbeitern aus der Ukraine oder aus Aserbaidschan?Am Ende können die Besucher selbst aktiv werden: Sie können ihre eigenen Vorstellungen und Auswandererträume zu Papier bringen und an eine Pinnwand stecken.

 

Glashütte Gernsheim

Die Ausstellung führt eine entsprechende im März 2015 beendete Ausstellung im LWL-Industriemuseum Glashütte Gernheim fort. In der früheren Glashütte war das Thema Wanderarbeit besonders relevant. "Die Glasmacher, die dort im 19. Jahrhundert mit der Produktion begannen, waren Zugezogene", erläuterte LWL-Museumsleiterin Dr. Katrin Holthaus bei der Eröffnung im November 2014. Die sogenannten Waldglashütten der Frühen Neuzeit wählten ihren Standort danach aus, wo es Holz zum Feuern der Öfen gab. Nach 15 bis 20 Jahren zogen diese Hütten weiter. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg spielte Arbeitsmigration in der Glasproduktion eine wichtige Rolle. So befand sich unter den sudetendeutschen und schlesischen Flüchtlingen viele Fabrikanten und Beschäftigte aus der Glasbranche. "Am Beispiel des Glasgestalters und Fabrikanten Richard Süßmuth zeigen wir in unserer Ausstellung ein Schicksal dieser Zeit", so die LWL-Museumsleiterin. Das "Wirtschaftswunder" der 1950er Jahre mit seinem ständig steigenden Bedarf an Arbeitskräften war Anlass dafür Arbeiter aus Italien, Griechenland, der Türkei und anderen Ländern anzuwerben. Die Firma Heye-Glas in Obernkirchen beschäftigte seit 1960 italienische Arbeiter, um 1971 war der Höchststand von 370 Arbeitern erreicht.

 

LWL-Industriemuseum Zeche Hannover
Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur
Günnigfelder Straße 251
44793 Bochum
http://www.lwl.org/pressemitteilungen/gfx/icon_location.gifKarte und Routenplaner

Begleitbuch
LWL-Industriemuseum (Hg.): Wanderarbeit. Mensch - Mobilität - Migration,

Klartext Verlag, Essen 2013., 160 S., Preis 14,95 Euro.

ISBN 978-3-8375-0957-1