Zwischen Ungewissheit und Zuversicht - polnische Displaces Persons auf der Zeche Hannover

Polnische DPs in einem Camp in Würt-temberg-Baden, 1950er Jahre. Foto: Porta Polonica

14.6.2016 - Bochum (lwl). Schätzungsweise elf Millionen Männer und Frauen, die unter Zwang nach Deutschland gebracht worden waren, hielten sich bei Kriegsende in Deutschland auf. Innerhalb von nur fünf Monaten kehrten rund neun Millionen von ihnen in ihre Heimat zurück, darunter fast alle Menschen aus der Sowjetunion. So waren es im Oktober 1945 vor allem Menschen aus Polen und den baltischen Staaten, die noch in den Sammellagern in Deutschland festsaßen. Nicht nur der einsetzende Winter verhinderte die Rückführung. "Viele von ihnen scheuten die Rückkehr, da ihre Heimatländer von der Sowjetunion besetzt waren oder von kommunistischen Regierungen beherrscht wurden, die ihre politischen Gegner mit Gewalt unterdrückten", erklärt Ausstellungskurator und LWL-Museumsleiter Dietmar Osses. Über zehn Jahre lang haben Militärbehörden, Hilfsorganisationen und Verwaltungen nach Kriegsende versucht, in einem Wechsel von Fürsorge und Druck Perspektiven für die Menschen zu entwickeln. Zunächst stand die Unterbringung und Versorgung im Mittelpunkt: In einzelnen Fällen wurden Häuser, Straßenzüge oder wie in Haltern ganze Stadtteile von den Alliierten requiriert, um DPs darin unterzubringen. Osses: "Die Kleinstadt Haren im Emsland ließ man komplett räumen. Sie wurde für drei Jahre eine polnische Stadt und bildete das Zentrum der polnischen Besatzungszone in Deutschland." Trotz vielfältiger und aufwendiger Programme lebten Mitte der 1950er Jahre noch gut 100.000 der ehemals eine Million polnischen DPs in Deutschland. Für sie schufen die Landesregierungen, allen voran Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, in großen Bauprogrammen eine dauerhafte Bleibe, um die Jahre des Lagerlebens zu beenden. "Manche dieser Siedlungen tragen heute noch lebendige Spuren des polnischen Lebens in sich", weiß Museumsleiter Osses.

 

Den knapp einer Million ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene, die als sogenannte "Displaced Persons" (DPs) in Sammelunterkünften in den westlichen Besatzungszonen lebten, ist die Ausstellung des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) unter dem Titel "Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Polnische Displaced Persons in Deutschland 1945 und 1955" gewidmet. Die zweisprachige Schau bis zum 30. Oktober im LWL-Industriemuseum Zeche Hannover in Bochum zu sehen. Die Geschichte der DPs ist ein bisher wenig beachtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte. Gefördert wurde die Ausstellung durch die Beauftrage für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland und mit Mitteln des NRW-Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales. Archive und Museen im In- und Ausland haben die Ausstellung unterstützt. Auch der Bund der Polen in Deutschland hat als Partner der "Porta Polonica" mit vielfältigen Kontakten und Leihgaben zum Gelingen beigetragen.

 

Freizeitmusiker im Internat Haltern, 1947. Foto: Rektorat der Polnischen Katholischen Mission in Deutschland, Hannover

Die Ausstellung gibt erstmals einen umfassenden Einblick in den Alltag, die Kunst und die Kultur dieser 'heimatlosen Ausländer, wie sie später genannt wurden. Sie haben trotz der herrschenden Knappheit und Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal ein bemerkenswertes und vielfältiges Kulturleben in den Camps und Lagern entwickelt", so LWL-Direktor Matthias Löb. Mit Dokumenten, Fotos und Videointerviews wirft die Ausstellung ein Licht auf dieses kaum bekannte Stück deutsch-polnischer Geschichte. Löb: "Wir stellen die Menschen nicht als passive Opfer der Geschichte, sondern als aktive Menschen, die in den vorgegebenen Grenzen ihr Leben gestalteten, in den Vordergrund." Die Ausstellung des LWL-Industriemuseums nimmt genau diesen Blick ein: "Es ist beachtlich, mit welcher Energie, Effizienz und Kreativität die in den Camps und Lagern festsitzenden Menschen ihren Alltag organisierten, Komitees, Organisationen und Netzwerke ins Leben riefen und ihr Leben mit allen Mitteln der Kunst gestalteten", sagte der LWL-Direktor. So fanden bereits 1945 erste Kunstausstellungen statt, die von der Landschaftsmalerei bis zur Verarbeitung des Schreckens der Konzentrationslager eine beachtliche Bandbreite zeigten. "Die Ausstellung ist äußerst aktuell: Viele Deutsche standen den DPs damals distanziert gegenüber. Überkommene Stereotype und Bewertungen als 'minderwertige Menschen hielten sich auch nach Kriegsende hartnäckig. Berichte über Kriminalität verstärkten die Ablehnung", erklärte Löb weiter. "Diese beunruhigende Entwicklung kennen wir aus der aktuellen Flüchtlingsdiskussion. Hier kann jeder Besucher aktuelle Bezüge entdecken."


Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, betont die Zusammenarbeit mit ehemaligen polnischen DPs: "Dem Ausstellungsteam ist es gelungen, Zeitzeugen zu finden, die mit ihren Erlebnissen, Erinnerungen und Leihgaben die Präsentation mitgestaltet haben". Dabei spannt sich der Bogen über mehrere Generationen und zeigt damit auch die unterschiedlichen Formen von Erinnerung und Tradition. Bereichert wurde das Projekt auch durch die Kooperation mit der "Porta Polonica", der beim LWL-Industriemuseum angesiedelten und vom Bund finanzierten Dokumentationsstelle zur Geschichte und Kultur der Polen in Deutschland. Zache: "So konnten die vielfältigen und verschlungenen Migrationswege in den Blick genommen und die Perspektive auf ganz Deutschland gerichtet werden. Auch Bezüge nach Polen und in die Auswanderungsländer stellte unsere Dokumentationsstelle her."