Vom Streben nach Glück - Ausstellung im LWL-Ziegeleimuseum Lage zeigt 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika

7.4.16 - Lage (lwl). "Hier lebt man besser als in Deutschland", berichtete 1830 der Amerika-Auswanderer Peter Horn aus Pennsylvania in einem Brief an seine Eltern. Wohlstand, Freiheit, Abenteuer - das waren die Hoffnungen, die über 300.000 Menschen aus Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert dazu bewegten, in den USA ein neues Leben zu beginnen. Die Ausstellung "Vom Streben nach Glück" (10.4.-25.9.2016) im Ziegeleimuseum Lage des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) veranschaulicht die Geschichte dieser Auswanderungsbewegung, beleuchtet die Ursachen, zeichnet Reisewege nach und schildert Biografien westfälischer Emigranten. Das Spektrum der mehr als 100 Exponate reicht von Fotos und Postkarten über persönliche Gegenstände der Auswanderer bis hin zum Taufstein aus einer von Lippern gegründeten Kirche in Wisconsin.

Einschiffen auf ein Auswandererschiff in Bre-merhaven. Foto: Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Die Ausstellung bleibt zunächst in der alten Heimat: "In den ländlich geprägten Regionen Westfalens erbte nur der älteste oder der jüngste Sohn den gesamten Besitz", erklärt LWL-Museumsleiter Willi Kulke. Die Geschwister gingen leer aus. Ihnen blieb als Ausweg nur eine Heirat oder ein Leben als Knechte und Mägde auf dem Hof des Bruders. Aber auch politische Gründe bewegten die Menschen dazu, ihre deutsche Heimat zu verlassen. Prominenteste Gruppe dieser politischen Auswanderer waren die Anhänger der revolutionären Bewegung um das Jahr 1848. Zu den Aktivisten, die nach dem Scheitern der Revolution nach Amerika emigrierten, gehörte etwa auch die Bürgerrechtlerin Mathilde Franziska Anneke aus Hiddinghausen bei Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis) oder der Maler Carl Schlickum aus Hagen.

Agenten vermittelten den Ausreisewilligen die Schiffsfahrkarten für die Überfahrt in die USA. Die Reise begann meist in den beiden großen deutschen Auswandererhäfen in Bremerhaven und Hamburg. Das Modell eines Auswandererschiffes aus dem Deutschen Technikmuseum in Berlin sowie Postkarten und Werbeplakate der Reedereien zeigen, wie diese Schiffe aussahen.

Die meisten deutschen Auswanderer hielten bereits Kontakt zu Menschen aus ihrem Dorf oder zu Verwandten, die schon in den USA lebten. Da Klima und Landschaft denen in der Heimat sehr ähnlich waren, siedelten sich die meisten Westfalen im Mittleren Westen in den Staaten Wisconsin und Ohio an. Fast eine Million Deutsche fanden hier eine neue Heimat. Unter ihnen war auch Hermann Heinrich Silbermann aus Lage (Kreis Lippe). Mit 24 Jahre beschloss er, sein Leben als Wanderziegler und Tagelöhner hinter sich zu lassen. Er lieh sich Geld für eine Schiffspassage nach Amerika und machte sich auf den Weg nach Bremerhaven. Im Frühjahr 1892 ging er an Bord. Von Baltimore aus reiste er weiter Richtung Nebraska, kaufte eine kleine Farm, heiratete und bekam sechs Kinder. Heute zählt der Klan mit Wurzeln in Westfalen über 50 Familienmitglieder.

Einschiffen auf ein Auswandererschiff in Bremerhaven. Foto: Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

"Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatten über acht Millionen Menschen in Nordamerika deutsche Vorfahren. Sie lebten als Farmer in den nördlichen Staaten des Mittleren Westens, waren aktiv in der Kultur, in der Politik und im Wirtschaftsleben der Vereinigten Staaten", weiß Anne Overbeck von der Arbeitsstelle für Deutsch-Amerikanische Bildungsgeschichte der Universität Münster, die als Kooperationspartner beim Ausstellungsprojekt mitgewirkt hat. Vor allem der Bundestaat Indiana mit seiner Hauptstadt Indianapolis wurde zu einem Zentrum deutschen Wirkens. In Fort Wayne brauten und vertrieben die Dortmunder Berghoff-Brüder "Dortmunder Beer". Clemens Vonnegut aus Münster brachte es mit einem Haushalts- und Eisenwarenhandel in kurzer Zeit zu Reichtum. Und William Edward Boeing, Sohn eines Einwanderers aus dem heutigen Hagen, gelang es gar, einen Weltkonzern aufzubauen.

Katalog
Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika. (Hg.) LWL-Industrie-museum, Westfälisches Landesmu-seum für Industriekultur, Willi Kulke. 164 Seiten, Essen 2016, ISBN Preis: 14,95 Euro

Neben Knowhow brachten die Deutschen auch das Vereinswesen mit in die neue Heimat: In den meisten Städten des Mittleren Westens gab es Männerchöre und Turnvereine, auch Karneval wurde gefeiert. Die alteingesessenen Amerikaner konnten mit dieser Art der Freizeitbeschäftigung nichts anfangen. Anne Overbeck: "Die Deutschen blieben lange unter sich. Erst in den 1920er Jahren wurden zum Beispiel die Turnvereine für alle Amerikaner populär."

Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg veränderte sich das Verhältnis zwischen Amerikanern und Deutschen. Viele Familiennamen wurden amerikanisiert, deutsche Zeitungen, Reklametafeln und Bräuche verschwanden aus der Öffentlichkeit. Ein eigenes Kapitel widmet die Ausstellung dem Thema Vertreibung und Verfolgung nach 1933. So wanderten über 120.000 deutsche Juden und Intellektuelle nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amerika aus.

Noch heute sind die USA ein Auswanderungsziel für viele Deutsche, die im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein neues Glück, eine wirtschaftliche Perspektive oder einfach nur Freiheit und Abenteuer suchen. "Wir verbinden unsere Ausstellungen immer mit dem Gedanken des Museums als Forum über aktuelle Debatten. Die Geschichte der Amerika-Auswanderer zeigt viele Parallelen zur Situation der heutigen Flüchtlinge", so Kulke. Zwar seien die Deutschen damals nicht vor einem Bürgerkrieg geflohen, wohl aber aus einer hoffnungslosen Lebenssituation, die ihnen weder Auskommen noch berufliche Perspektive bot.