"Als Soldatenheimschwester an der Ostfront"
LWL veröffentlicht Briefe von Annette Schücking-Homeyer aus dem Zweiten Weltkrieg

17.3.15 - Sassenberg (lwl). Annette Schücking-Homeyer war von 1941 bis 1943 Schwesternhelferin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in einem Soldatenheim an der Ostfront. Bereits auf ihrer Reise in die Ukraine hat sie von der Ermordung der Juden erfahren. In einem Brief an ihren Vater schreibt sie hierzu: "Aber die Juden, die meist die Geschäfte hatten, sind alle tot." Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat jetzt die Edition der Briefe von Annette Schücking-Homeyer und ihrer Familie, die im westfälischen Sassenberg den Zweiten Weltkrieg erlebte, veröffentlicht. Das Buch "Eine Soldatenheimschwester an der Ostfront: Briefwechsel von Annette Schücking mit ihrer Familie (1941-1943)" dokumentiert nicht nur den Kriegsalltag im Kreis Warendorf, sondern zeigt auch auf, welche Erfahrungen die damals Anfang 20-Jährige an der Front machte.
"Das, was Papa immer sagt, dass von Menschen, die ohne moralische Hemmungen sind, eine merkwürdige Luft ausgeht, ist wahr; ich kann jetzt die Menschen unterscheiden, man riecht bei vielen richtig Blut. Ach Mameli, was ist die Welt für ein großes Schlachthaus." Diese Zeilen schrieb Annette Schücking-Homeyer am 5. November 1941 an ihre Eltern.


Die gesamte Edition umfasst 174 Briefe und Postkarten von Annette Schücking-Homeyer aus der Zeit vor und während ihrer Dienstzeit in den Soldatenheimen in Danzig sowie Zwiahel in der Ukraine und Krasnodar im Kaukasus an ihre Eltern und Geschwister. Parallel liegen die jeweiligen Antwortbriefe vor. Zudem werden ihr Tagebuch und ihr Fotoalbum dokumentiert. "Die Feldpostbriefe von Annette Schücking-Homeyer geben einen ersten Einblick in ein bisher gänzlich unbekanntes Einsatzgebiet von Frauen an der Kriegsfront während des Zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus lassen sich durch die Antworten auch die unterschiedlichen Wahrnehmungen der Heimat- und der Kriegsfront studieren", sagt Dr. Julia Paulus, Historikerin am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und Mitherausgeberin des Bandes.

 
Die Korrespondenz beinhaltet Beschreibungen des Alltags wie zum Beispiel das "Organisieren" von Lebensmittel und Hausrat für die Soldatenheime, Reisetätigkeiten zu den Dienststellen der Wehrmacht und der Zivilverwaltung, Schilderung von Kriegsereignissen sowie Erzählungen über Begegnungen, persönliche Zumutungen und Herausforderungen. "Während eine Reihe von Studien und Editionen zum Einsatz von Frauen als Wehrmachtshelferinnen und als DRK-Krankenschwestern erschienen sind, finden sich bislang kaum Forschungen zu den anderen Einsatzbereichen des DRK wie der Unterstützung der Wehrmacht durch die große Zahl von sogenannten Betreuungshelferinnen", hebt Mitherausgeberin Dr. Marion Röwekamp die Bedeutung der Briefe hervor.


Annette Schücking-Homeyer

Annette Schücking wurde am 1. März 1920 als Tochter des Rechtsanwalts und Notars Lothar Schücking (1873-1943) und seiner Ehefrau Louise, geb. Hudoffsky (1894-1969), in Dortmund geboren. Mit ihren Geschwistern wuchs sie überwiegend in Sassenberg (Kreis Warendorf) auf. Nach ihrem Abitur in Warendorf begann Annette Schücking im Wintersemester 1938 ihr Jurastudium an der Universität in Münster. Bereits im Juni 1941 legt sie das erste Staatsexamen ab. Der Krieg verzögerte ihre weitere Ausbildung, sodass sie erst im Juli 1947 ihr zweites Staatsexamen absolviert. Schücking-Homeyer zählt zu den Gründerinnen des Deutschen Juristinnenbundes und war bis zu ihrer Pensionierung 1983 als Richterin an verschiedenen Gerichten tätig - zuletzt am Sozialgericht in Detmold. 1950 heiratete sie den kriegsversehrten Musiker Helmut Homeyer. Auch nach der Geburt ihrer beiden Kinder bleibt sie als Richterin tätig. Annette Schücking-Homeyer lebt heute in der Nähe ihrer Kinder in Lünen.


Julia Paulus/Marion Röwekamp (Hrsg.):

Eine Soldatenheimschwester an der Ostfront: Briefwechsel von Annette Schücking mit ihrer Familie (1941-1943)

Ferdinand Schöningh Verlag, Münster 2015, 660 Seiten, gebunden, ISBN 978-3-506-78151-2, Preis: 64 Euro