Einführung in Belgische Malerei des 20. Jahrhunderts

-      Von Ensor bis Delvaux

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Die moderne Belgische Malerei ist mit Ausnahme von Ensor, Delvaux und Magritte in Deutschland nicht so bekannt wie die Malerei des ausgehenden Mittelalters und des Goldenen Zeitalters. Die moderne belgische Kunst hat aber eine internationale Bedeutung errungen und beeinflusst durch ihren innovativen Charakter auch die Kunstszene außerhalb Belgiens. Belgien ist sich dieser Tatsache wohl bewusst  und hat beispielsweise zahlreiche Straßen nach surrealistischen Malern benannt. Mit Ensor wurde die moderne Kunst ins Leben gerufen, Rick Wouters erreichte mit seinen Aquarellen und Pastellen unerreichte Farbexplosionen. Spillaert bereitete innerhalb des Symbolismus  den Weg zum Surrealismus, dessen eigentlicher Repräsentant dann Magritte wurde. Permeke führte den Expressionismus in Flandern zum Gipfel. Delvaux schließlich entwickelte einen träumerischen Stil, der seinen Werken eine magische Dimension verlieh.

 

 

James Ensor (1860-1949)

James Ensor wurde am 13. April 1860 in Ostende geboren. Sein Vater war Brite, seine Mutter Flämin. Seine Familie hatte in Ostende ein Souvenirgeschäft, in dem neben Muscheln, und Chinoiserien während des Karnevals auch Masken verkauft wurden. Nach 1877 hielt sich Ensor abwechselnd in Ostende und in Brüssel auf, wo er an der Akademie studierte. Seine ersten nach 1876 entstandenen Werke zeigen vor allem Natureindrücke in einer realistisch - pleinaristischen Auffassung. sie unterscheiden sich von der impressionistischen Malerei vor allem durch den breiteren und weichen Pinselduktus und die dunklere Tonigkeit. Themen waren u.a. Fort Wellington, Dünen, Meer und Boote. 1880 verließ er Brüssel und zog sich für immer nach Ostende zurück.

 

Um 1880 öffnete sich die bis dahin eher konservativen belgischen Kunst einem sozialen Realismus, der durch Künstler wie Laermans, Meunier und Minne vertreten wurde. Auch Ensor lässt sich sind bis 1882 diesem Kreis zuordnen. Es entstanden Bilder wie dem "Austernesser", dem "Ruderer" bzw. dem "Lampenputzer", die sehr menschlich einfühlsam und bisweilen auch humorvoll sind. Seine Selbstbildnisse in dieser Zeit zeigen ihn in Posen des Gefährdeten und des sich gefährlich Gebenden. Hintergrund ist vermutlich die fehlende Akzeptanz, die schließlich auch in der Ablehnung durch den offiziellen Brüsseler "Salon" 1884 offenkundig wird.1883 wird der Salon der "Les Vingts" (Die Zwanzig) gegründet, der auf eine Initiative des Literaten Octave Maus zurückgeht. Diese Gruppe avantgardistischer Künstler lässt sich am ehesten mit der französischen Gruppe der "Nabis" (Symbolisten) vergleichen. Ensor schloss sich diesem Kreis an und verkörperte den Prototyp des antiakademischen Künstlers. Sein Stil änderte sich nun zum Spukhaften in hellen Farben von leuchtender Buntheit. In den Übersichtsausstellungen der Gruppe, zu denen regelmäßig 20 ausländische avantgardistische Künstler wie die Impressionisten eingeladen wurden, erregte Ensor bald großes Aufsehen. 1885 begegnete Ensor auf einer Englandreise den Bildern von William Turner, die großen Einfluss auf ihn haben sollten. Dessen aufgelöste Lichtmalerei beeinflusst Ensor und führt zu einer Art Lichtmystik, ist aber mit dem Impressionismus nicht vergleichbar. 1886 entsteht das Bild "Kathedrale", 1887 die "Vertreibung aus dem Paradies".

 

Gleichzeitig faszinierte ihn das von Rembrandt gestaltete Helldunkel, wie seine Zeichnungen zum Christusthema zeigen, die in der Ausstellung "De Aureolen van Christus of de gevoeligheiden van het licht" für großes Aufsehen sorgen. Sein neuer persönlicher Zeichenstil wurde aber von den etablierten Kreisen nicht akzeptiert. Ensor litt unter dieser Ablehnung und identifizierte sich mit dem leidenden, verspotteten Christus, der oft seine Gesichtszüge trägt, z.B. auf dem Gemälde "Ecce homo oder Christus und die Kritiker". Diese Bilder gipfeln 1888 in einem seiner wichtigsten Werke "Dem Einzug Christi in Brüssel im Jahre 1888". Es ist eine Zusammenfassung seiner bisherigen Massen- und Maskendarstellungen. Nun dominiert eine neue für Ensor nun prägende Farbigkeit - die Farbe ist in ihrem Eigenwert eingesetzt, dissonant kreischend, entsprechend den gespenstischen Maskenmenschen, die das Bild bevölkern und den kleinen Christus in der Menge fast untergehen lassen.

 

Ensor war aber auch in der Gruppe der "Les Vingts" umstritten, ein Ausschluss scheiterte an seiner eigenen Stimme. Ursache war seine Ablehnung des belgischen Pointillismus, den er als berechnende Kunst ohne Vision ablehnte. Persönlich war er sehr schwierig und schwankte überempfindlich zwischen hochfahrender Geniegebärde und Resignation. Seine Kunst stand außerdem im Gegensatz zu den dekorativen Bestrebungen des Art Nouveau, die in der Gruppe verstärkt Fuß fassten und 1893 zur Umbenennung in "La libre Esthetique" (Die freie Ästhetik) führte. Mit bestimmend in der Gruppe war auch der Symbolismus, dessen Lieblingsmotiv, die "Femme fatale" wie Salome oder Eva Ensor überhaupt nicht interessierten. Allerdings lässt er sich noch am ehesten mit dem Symbolismus und dessen Hang zur Mystik in Verbindung bringen. In der verfeinerten eklektizistischen Kunstauffassung der Jahrhundertwende, war er eher ein Fremdkörper. Er wurde erstaunlicherweise als Traditionalist eingeschätzt, zumal er sich neben Rembrandt auch an dem französischen Graphiker Jacques Callot (17.Jhd.) und an Francisco Goya (Los Caprichos) orientierte. Ensor erklärte, er sei entzückt gewesen, bei Goya und Turner zwei vom Licht und Leidenschaftlichkeit eingenommene Meister zu finden.

 

1892 erschien zwar die erste Monographie über sein bisheriges Werk, das sich unter dem Begriff des Grotesken erfassen lässt - das Lächerlich - Grausige als Ausdruck einer entfremdeten Welt. so vermengen sich seine Masken mit den Gesichtern, d.h. sie verbergen nicht, sondern legen auf erschreckende Art bloß. Der Karneval in Belgien hat Ensor angeregt - Masken mit Tod und Skeletten, verbunden in unerklärlichen Verrichtungen, blutrünstig, irreal - deshalb ist er auch für die Surrealisten interessant. Erstaunlich und unheimlich steigernd sind seine Farben, statt düster, wie man erwarten würde, hellte er sie rigoros auf. Den subtilsten Ausdruck des Grausigen entdeckte er im Weiß - so bei den "Seltsamen Masken" (1892). Dazu kamen starke Lokalfarben in Zinnoberrot und Gelb sowie rote Konturen. Man spürt die hochgespannte Sensibilität, die Töne fügen sich zu seltsamen Harmonien und schaffen einen Zauber des Unwirklichen. Alles wird ihm verdächtig, unter der Oberfläche lauert bzw. kichert Hintergründiges. So wird der 1892 entstandene "Rochen" zu einem Individuum, das unheimlich aber hilflos ist, weil er auf dem Trockenen liegt. Alles bekommt Physiognomie - unheimlich, aber auch mit Seele. Die breite Ablehnung seines Schaffens deprimierte ihn so, dass er 1893 seine gesamten Atelierbestände für 8500 Franken verkaufen wollte, aber keinen Käufer fand. 1895 veranstaltete er dann seine erste eigene Ausstellung im Teppichgeschäft eines Freundes, da alle Galerien abgelehnt hatten. Trotzdem begannen nun bessere Zeiten für James Ensor, nachdem er Kontakt zu dem Brüsseler Kreis "L'Essor" aufgenommen hatte, dem auch Henri Permeke, der Vater von Constant Permeke und Mitbegründer von "Les Vingts" angehörte. "L'Essor" war ein Verein von Künstlern und Kunstliebhabern und wurde allmählich zu einer bedeutenden Plattform der modernen belgischen Kunst. Obwohl er nach 1900 nur noch Wiederholungen seiner vor der Jahrhundertwende entstanden Werke schuf, fanden diese fanden nun immer breitere Zustimmung, die schließlich 1929 bei der Eröffnung des von Victor Horta entworfenen "Palais der Schönen Künste" in Brüssel zu einer großen Retrospektive und der Verleihung des Barontitels führte. Weitere große Ausstellungen im Pariser "Jeu de Paume" und der Londoner National Gallery folgten und machten ihn auch international bekannt.

 

James Ensor starb am 13. April 1949 in Ostende. Seine Wohnung (Vlaanderenstraat 27) wurde von der Stadt Ostende erworben und als Museum eingerichtet. Eine 118 Bilder und Gemälde umfassende Ensor - Sammlung des Städtischen Museums wurde durch einen Bombenangriff während des Zweiten Weltkrieges zerstört.

 

Mit seinem umfangreichen und höchst persönlichen Werk von Gemälden und graphischen Werken hat James Ensor der neuen flämischen Kunst ein eigenes Gesicht verliehen. Oft stellte er sich auch mit Selbstporträts in seinen Szenen dar, auch einige Christusfiguren hat er geschaffen. Sein Name wird auf ewig mit der Abbildung von Masken und Skeletten verbunden bleiben. Für Ensor waren diese ein Mittel, die Heuchelei des belgischen Bürgertums um die Jahrhundertwende anzuprangern. Er setzte sie auch ein, um den Betrachtern, die seine Werke nicht zu schätzen wussten, seine Missbilligung auszudrücken. Immerhin galt er lange Zeit als kontroverser Künstler und blieb letztlich ein Einzelgänger.

 

 

Leon Spilliaert(1881-1946)

Leon Spilliaert wurde am 28. Juli 1881 in Ostende geboren. Seine Familie war sehr wohlhabend und betrieb eine Parfümerie. Anfangs besuchte der die Akademie in Brügge, überwiegend war er aber Autodidakt. Von 1903 bis 1904 arbeitete er für den Brüsseler Herausgeber Edmond Deman. Hier lernte er zahlreiche Dichter und Maler kennen, die dem Symbolismus nahe standen. Emile Verhaeren förderte sein künstlerisches Schaffen, Fernand Crommelynck, Michel de Ghelderode und Stefan Zweig zählten zu seinen Freunden. Nach 1909 beteiligte er sich regelmäßig an Gruppenausstellungen wie 1912 an der Ausstellung "Les Bleus" (Die Blauen) im Brüsseler Salon "Giroux". Mit dabei war auch Permeke, der im Ostender Vuurtorenviertel direkt neben Spilliaert wohnte. Spilliaert reiste zwar regelmäßig nach Brüssel und Paris, doch sollte Ostende für ihn der Lebensmittelpunkt bleiben.

 

In den 20er Jahren schloss er einen Vertrag mit der Brüsseler Galerie "Sélection" von P.G. Van Hecke und André De Ridder. Da sich die Galerie aber schwerpunktmäßig um den Expressionisten Permeke, Van den Berghe und De Smet bemühte, blieb Spilliaert eher im Hintergrund. 1935 siedelte er nach Brüssel um, was eine Phase der schöpferischen Produktivität auslöst. Einige Jahre später lernte er die Ardennen kennen, wo er sich nun regelmäßig aufhiellt und häufiger Wälder und Waldlandschaften malte. Ähnlich wie Edvard Munch projizierte er innere Erlebnisse auf die Natur.

 

Der Zweite Weltkrieg stellt eine Wende in seinem Leben dar. Er weigerte sich, seine Werke in Deutschland auszustellen und konzentrierte sich auf das Thema "Blumen" und beruhigte sich damit selbst. 1944 fand im Brüsseler "Palais der Schönen Künste" eine große Retrospektive statt. Am 23. November 1946 starb er in Brüssel.

Spilliaerts Werk ist von Angst und Mysterium, Verwirrung und Einsamkeit geprägt. Seine Werke zeigen eine ausgesprochene Individualität, die eine Brücke zwischen dem Symbolismus und dem Expressionismus bauen will, und lassen bisweilen eine surrealistische Atmosphäre spüren. Er ist zwar Maler und Zeichner, seine Virtuosität kommt jedoch am besten in seinen Aquarellen und Gouachen sowie in den Zeichnungen mit Buntstift und Tinte zum Ausdruck.

 

 

Rick Wouters (1882-1915)

Der in Mecheln am 21. August 1882 geborene Rik Wouters, begann seine künstlerische Laufbahn mit zwölf Jahren in der Werkstatt seines Vaters, wo er Skulpturen und Möbel aus Holz fertigte. Bereits drei Jahre später entschied er sich, an die Städtische Akademie in Mecheln zu wechseln, um freischaffender Künstler zu werden. Anschließend besuchte er die Akademie für Schöne Künste in Brüssel. Während dieser Zeit lernte er Nel, die Frau seines Lebens kennen, die den Schülern der Akademie Modell stand. Nel wurde seine Muse und inspirierte ihn sein ganzes Leben. 1905 heirateten Rik und Nel, die zunächst bei Riks Vater in Mechelen Unterschlupf fanden, ehe sie nach sich in Sint-Joost-ten Node (Brüssel) niederließen. Da Nel an Tuberkulose erkrankte, zogen sie nach kurzer Zeit ins »grüne« Bosvoorde in unmittelbarer Nähe des Zonienwoud, des »Brüsseler Stadtwaldes«.

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Die ersten Skulpturen Wouters sind noch sehr dem lehrmeisterhaften Stil der großen Akademien verhaftet, aber bereits 1907 gelingt ihm mit der Skulptur" Reverie" die Befreiung aus den Zwängen der Akademien. Seine neue Sensibilität offenbart sich in der Skulptur "Reverie", die eine sanfte unvorhergesehene Bewegung verkörpert. Rik Wouters widmet sich als Autodidakt auch der Malerei, er sucht nach einer neuen Leuchtkraft und experimentiert mit einer Palette heller Farbtöne und nähert sich in seiner Malweise den Pointillisten an. Dann entdeckt er die Farben Cezannes und Van Goghs die in anspornen sich weiter der Leuchtkraft der Kompositionen zu widmen. Rik Wouters, der sich mit seinen Experimenten wenig um den Geschmack des Publikums scherte, lebte anfangs in ärmlichen Verhältnissen. Glücklicherweise lernte er 1910 den Kunstfreund und späteren Galeristen Georges Giroux kennen, der mit Wouters einen zehnjährigen Vertrag abschloss. Dieser regelte den An- und Verkauf der Werke in der Galerie Giroux, der ersten echten belgischen Kunstgalerie, sowie die Gewinnbeteiligung des Künstlers nach Abzug der Kosten. Durch diese Obereinkunft konnte Wouters mit einem regelmäßigen monatlichen Einkommen rechnen. Da er nun nicht mehr von ständigen finanziellen Sorgen geplagt wurde, konnte er seine Kreativität voll entfalten. So entstanden allein 1912 sechzig Gemälde.

 

Zu seinen Freunden zählten der Bildhauer Ernest Wijnants und die Maler Edgard Tytgat und Theo Blickx. Nicht nur diese porträtierte er, sondern auch seinen Vater Emile und seinen Bruder Karel, ebenso den aus Oostende stammenden Maler James Ensor. In Wouters Atelier standen aber auch ganz gewöhnliche Menschen aus seinem Viertel Modell. Gab es gerade einmal kein Modell, das er auf die Leinwand bannen konnte, so entstanden Selbstporträts wie die Zeichnung »Rik mit Augenklappe« und das Gemälde »Rik mit dem blauen Blouson« (1914). Im Stil der Fauvisten porträtierte er seine Modelle wie in »Nachmittag in Amsterdam« in einem farbenprächtigen Dekor mit Blick auf ein geöffnetes oder unverhangenes Fenster, das den Innenraum nach außen öffnet.

 

Eine Zäsur bildete für Rik Wouters, wie auch für andere Künstler, der Erste Weltkrieg, an dem er als Soldat teilnahm. Nachdem seine Einheit unter schweren Verlusten aus Fleuron bei Liège fliehen mußte, schlug er sich alleine nach Antwerpen durch. Nach dem Fall der Stadt entkam er mit anderen belgischen Soldaten in die Niederlande. Dort wurde er als Kriegsgefangener in einem Lager in Amersfoort und später in Zeist interniert. Aufgrund einer Krebserkrankung erfolgte jedoch alsbald seine Entlassung und er zog nach Amsterdam. Die letzten Jahre seines Lebens waren geprägt von einem unerbittlichen Kampf gegen den Krebs. Rik Wouters verlor ein Auge, einen Teil seines Kiefers und er trug deshalb eine Augenklappe. Dennoch blieb seine Schaffenskraft ungebrochen und er malte das Bild "Porträt mit schwarzer Augenklappe". Seine letzten Arbeiten malte er in dumpfen dunklen Farbtönen, sein Lebenswille versiegte. Nach einer dritten Operation verbrachte er seine letzten Monate unter großen Qualen und starb im Juli 1916. Für Nel, die in den letzten Monaten seiner Agonie nicht von seiner Seite wich begann ein neuer Lebensabschnitt, sie bewahrte und verteidigte das künstlerische Werk ihres Mannes.

 

 

Constant Permeke (1886-1952)

Constant Permeke, der 1886 in Antwerpen geboren wurde, wuchs in einem künstlerischen Umfeld auf. Sein Vater, Henri-Louis Permeke, war selbst Kunstmaler und wurde nach dem Umzug der Familie nach Ostende 1892 dort Restaurator des Kulturpatrimoniums der Stadt Ostende und einer der ersten Restauratoren des Städtischen Museums. Wie oben erwähnt, hielt er engen Kontakt zu James Ensor.

 

Constant Permeke zeigte früh Interesse für die Malerei und studierte an der Kgl. Akademie für Schöne Künste in Gent, wo er u.a. Frits Van den Berghe sowie Gust und Leon De Smet kennenlernte, die mit ihm zusammen später als die flämischen Expressionisten bezeichnet werden. 1909 reiste er zusammen mit Gustaf De Smet nach Sint-Martens-Latem, wo er hauptsächlich mit Albert Servaes in Verbindung stand. Dieser hinterließ mit seinem Werk, das von dunklen Terrafarben und flämischen Themen geprägt ist, einen tiefen Eindruck auf Permeke. 1912 kehrte Permeke nach Ostende zurück und entwickelte nun einen lyrisch - expressiven Stil. Er lernte den Fauvismus, den deutschen Expressionismus und den Kubismus kennen. Während des Ersten Weltkrieges hielt er sich in England auf und schuf dort seine ersten großen expressionistischen Gemälde, die sehr eng mit Flandern verknüpft waren und meist Szenen aus dem Fischermilieu in schwerer Formgebung wie "Auf dem Bild" und "Ostende". Besonders wichtig wurde sein Bild "Der Fleischer".

 

1918/19 fand er nach Kriegsende und Rückkehr nach Brüssel wie bereits oben in der in anderem Zusammenhang erwähnten Galerie "Sélection" sowie in der Galerie "Le Centaure" zusammen mit Van den Berghe und De Smet große Unterstützung, was schließlich für den Durchbruch des flämischen Expressionismus sorgte. 1923 entstand sein Werk "Boote bei Mondschein". Nach 1926 hielt sich Permeke in den Sommermonaten in Jabbeke, einem kleinen Dorf zwischen Ostende und Brügge, nieder und baute nach einem Entwurf des Architekten Pierre Vandevoort das Haus "Die vier Winde", das später um ein Atelier bzw. Ausstellungsraum erweitert wurde. Zunächst entstanden hier monumentale Zeichnungen, nach 1937 auch Skulpturen. 1939 führte das Brüsseler "Palais der Schönen Künste" eine erste Ausstellung seines bildhauerischen Schaffens durch. Nach der Besetzung Belgiens durch das Dritte Reich ereilte ihn 1941 das gleiche Schicksal wie das der deutschen Expressionisten. Als "entartetem Künstler" wurde ihm verboten, weiter zu malen bzw. auszustellen. Nach dem Krieg wurde er "rehabilitiert" und hatte Ausstellungen im Pariser "Musée d'Art Moderne" und im Amsterdamer Städtischen Museum. 1952 starb er in Ostende. Sein Haus in Jabbecke wurde als "Museum Constant Permeke" eingerichtet. Das Werk Permekes fasste den flämischen Expressionismus zusammen und hob ihn auf europäisches Niveau. Auf eine sehr persönliche und eigenwillige Art und Weise gelang es ihm, die Landschaft mitsamt den Menschen in ihrem Wesen zusammenzufassen und das Lokale zum Universellen emporzuheben.

 

 

Réné Magritte (1910 - 1967)

Réne-Francois-Ghislain Magritte wurde 1910 in Lessines geboren. 1912 ertränkte sich seine Mutter, Régine Berlinchamp. 1916/17 besuchte er die Akademie in Brüssel, 1918 teilte er sein Atelier mit Pierre Flouquet, einem Maler und Dichter der abstrakten Strömung. Aus Geldmangel arbeitete er zusammen mit Viktor Sevranckx als Tapetenentwerfer bei der Firma Peters-Lacroix in Haren. Unter dem Einfluss des Futurismus, des Kubismus und des Konstruktivismus fertigte Magritte neben Plakatentwürfen und Werbezeichnungen auch einige Gemälde an. Schließlich erhielt er einen Vertrag bei der Brüsseler Galerie "Le Centaure", wo auch Permeke ausstellte. Seine Werke fanden aber zunächst ebenso wenig Anklang wie die von Spilliaer, da beide Galerien den flämischen Expressionismus bevorzugten.

 

1925 wurde Magritte von dem 1922 entstandenen Gemälde "Le chant d'Amour" (Das Liebeslied) von Giorgio de Chirico tief beeindruckt. Seine Bildfindungen wirken wie Fortsetzungen der metaphysischen Interieurs Chiricos. 1926 malte er "Le Jockey Perdu" (Der verlorene Reiter". Zusammen mit seiner Frau Georgette hielt er sich in den folgenden Jahren im Pariser Raum auf und lernte u.a. Eluard, Breton, Arp und Miro kennen. Außerdem besuchte er das Atelier Dalis im spanischen Cadaquès. 1930 kehrte er nach Brüssel zurück. Ausstellungen in New York und London folgten. Seine Grammatik des Sehens zeichnete sich dadurch aus, dass er die Dinge der realen Welt zu verfremdeten Kompositionen zusammenfasste. Seine Bilder lebten nun von dem Gegensatz zwischen formaler Repräsentation und inhaltlicher Aussage. So benutzte er vor allem die Bildtitel, die in keinem Zusammenhang mit dem Bildinhalt stehen, als Mittel der Verfremdung. Ein wichtiges Thema war das Verhältnis zwischen Kunst und Nachahmung: Was ist der Unterschied zwischen einem Gegenstand und seiner die Augen täuschenden Darstellung? bzw. Warum soll die Malerei uns nicht davon überzeugen können, dass bestimmte Dinge möglich sind, die wir bisher für unmöglich hielten. Daraus folgt konsequent seine deskriptive, unauffällige und getreue Abbildungstechnik, die Dinge genau und notwendig unpersönlich erscheinen lassen. Die Problematik seines Schaffens liegt darin, dass seine Bilder nur dann gut sind, wenn sie die gewünschte Wirkung erzielen, was bei den besten Bildern der Fall ist. Ein künstlerischer Fortschritt ist in seinen Bildern nicht zu erkennen

 

Er war sich dessen bewusst und suchte zwischen 1943 und 1946 nach einem Ausweg in der  impressionistischen Malweise, 1948 parodierte er in der "Période vache" (Periode der Kühe" die französischen Fauvisten. Nachdem eine entsprechende Ausstellung in der Pariser "Galerie du Faubourg" nur das Entsetzen des Publikums hervorrief, gab er auch dieses Experiment auf. 1952/53 entstand die aus acht Tafeln bestehende Reihe "Le domaine Enchanté", die unter Mitwirkung von Magritte zu Wandgemälden im Kasino von Knokke vergrößert wurden. Mitte der 60er Jahre folgten Ausstellungen im New Yorker "Museum of Modern Art", im Rotterdamer "Museum Boymans-van Beuningen" und im Stockholmer "Moderna Museet". Kurz vor seinem Tode am 15. August 1967 retuschierte und signierte Magritte acht Wachsbilder für Bronzegüsse.

 

Da Magritte die Reproduktion seiner Werke auf Plakaten und Ansichtskarten immer sehr gefördert hat, ist sein Werk im Wohnumfeld häufig vorhanden. Auch wenn manche behaupten, "dass er nicht malen konnte", zählt er zu den bedeutendsten zeitgenössischen Malern überhaupt. Sein Surrealismus ist durchdacht, er malt nicht so sehr, um den Betrachter zu schockieren bzw. eine Traumwelt zu kreieren. Vor allem untersuchte er das visuelle Bild und wies auf dessen Mängel hin. "Ceci n'est pas une pipe" (Dies ist keine Pfeife"). Jedes Gemälde betrachtete er als Anhaltspunkt für die Lösung eines neuen Problems. Auf diese Weise leitete sein Surrealismus die spätere konzeptuelle Kunst ein.

 

 

Paul Delvaux (1897 - 1994)

Paul Delvaux wurde 1897 in Antheilt geboren. Zunächst studierte er an der Brüsseler Akademie der Schönen Künste Architektur und anschließend Malerei. 1931/32 entdeckte er auf dem Brüsseler Jahrmarkt das "Spitzner-Museum", eine pseudowissenschaftliche Sammlung von Gerippen, Föten in Formaldehyd und sonstigen makabren Gebilden, die seine Malerei sehr stark prägen sollte.

 

1943 traf er in Brüssel bei der Ausstellung " Le Minotaure" erstmals mit dem Surrealismus zusammen. Vor allem beeindruckten ihn die der "Pittura metafisica" von Giorgio de Chirico (1888-1978). Nun beherrschten seine Bilder auch stark fluchtende Perspektiven, öde leergefegte Plätze, in gespenstischer Beleuchtung bewegen sich darin meist nackte Frauen wie im Traum entrückt. André Breton schrieb über Delvaux, er mache die Welt zum Reich einer Frau - immer derselben - die über die Vorstädte des Herzens herrsche. Nach 1951 hielt Delvaux sich häufig in St. Idesbald (Koksijde) auf. 1952 fertigte er für die Spielhalle des Kursaals in Ostende ein Wandgemälde an. Er erhielt zahlreiche große Aufträge und viele Auszeichnungen. Seine breite Anerkennung war aber nicht ungeteilt. Vor allem der Klerus nahm Anstoß und ließ seine Werke aus der Venediger Biennale 1954 entfernen. Trotzdem wurden seine Werke häufig in Ausstellungen gezeigt und in große internationale Sammlungen aufgenommen. 1962 hatte er eine große Ausstellung im "Museum der Schönen Künste" in Ostende. 1973 entwarf er die Wanddekoration des Kasinos von Chaudfontaine, die z.Zt. im Kasino von Knokke untergebracht ist. Noch zu seinen Lebzeiten wurde 1979 eine "Paul-Delvaux-Stiftung" gegründet, die in St. Idesbald ein eigenes Museum eröffnete. 1994 starb Paul Delvaux in Veurne.

 

Die Malerei von Paul Delvaux wurde von dem Kritiker Paul Hansaerts als Begegnung von Parthenons und Gaslaternen bzw. von Kurtisanen und Gerippen definiert. Delvaux, der Ensor und Permeke bewunderte, begann zwar als Expressionist, verfolgte aber später eine andere Linie zu einer poetischen, träumerischen Atmosphäre im Dialog zwischen Liebe und Tod. Hauptsächlich ging es ihm um die poetische Seite der Kunst. Er wollte an "einer Wiedergeburt des Themas (arbeiten), aber dann allerdings in einer bestimmten Bedeutung, der des Fremden und Unlogischen. Zum Beispiel, das Malen zweier Gegenstände, die in keinem direkten Zusammenhang miteinander stehen, die jedoch, dank der Inspiration des Künstlers, eine poetische Beziehung erlangen, die endlos attraktiv ist..."(Delvaux) Gegen seinen Willen wurde er zu den Surrealisten gezählt.

.Dr. Klaus Reimer M.A.