Die Schlacht um Verdun 1916/18

Zum Zeitpunkt der deutschen Kriegserklärung am 3. August 1914 hatten deutsche Truppen bereits die luxemburgischen Eisenbahnlinien besetzt und befanden sich auf dem Vormarsch nach Belgien. Der Schlieffen-Plan sah einen schnellen Vormarsch durch das neutrale Belgien vor, um die starken Forts der "Eisernen Linie", vor allem in der Nähe von Verdun zu umgehen. Anfangs verlief der Vormarsch wie geplant. Die von Luxemburg bzw. Metz aus vorgerückten Armeen eroberten am 26. August Longwy, am 30. August 1914 wurde Montmédy Kronprinz Wilhelm von Preußen übergeben. Wichtige Maasübergänge wurden in den Schlachten an der Aisne und im Argonnerwald erobert und die französischen Truppen nach Süden zurückgedrängt. Am 3. September fiel Reims, am 4. September Chalons-sur-Marne. Die 6. und 7. Armee sollten die "Eiserne Linie" bei Nancy und Épinal durchbrechen, kamen aber nicht wie gewünscht voran und mussten immer wieder französische Gegenangriffe im südlichen Elsass abwehren. Die 4. und 5. Armee (Herzog Albrecht v. Württemberg bzw. Kronprinz Wilhelm v. Preußen) waren vor Verdun zum Stehen gekommen.

Während auf französischer Seite General Joffre südlich der Marne günstiges Gelände zum Aufbau einer neuen Front nutzte, verlor die deutsche Heeresleitung den Überblick. Nachdem zwei Korps für die Belagerung von Antwerpen abgezogen worden waren, wurden zwei weitere nach Ostpreußen verlegt, da man mit einem leichten Durchbruch nach Paris rechnete. Die Marne-Schlacht vom 5. bis zum 12. September begann für die 1. Armee mit der Zerschlagung des linken französischen Flügels sehr erfolgreich, doch bildete sich bereits am 7. September zur 2. Armee eine Lücke, die sich schnell auf rd. 40 km verbreiterte und rasch von französischen Reserveeinheiten besetzt wurde. Während die 1. Armee nachsetzte, zog sich die 2. Armee ohne entsprechende Konsultation zurück. Die Heeresleitung hatte den Überblick über die Schlacht verloren, sodass sich die deutschen Truppen wieder zurückziehen mussten. Reims, Chalons und Argonnerwald wurden wieder geräumt. Kleinere Gebietsgewinne wurden dagegen im Raum Verdun erzielt. Am 24. und 25. September wurde mit der Eroberung von Varennes Verdun im Nordosten und Osten eingeschlossen und der Einnahme des Forts Camp des Romains die Verbindung nach Toul unterbrochen.

Ab Mitte Oktober entwickelte sich an der etwa 650 km langen Frontlinie ein Stellungskrieg, in dem sich die deutsche und französische Armee eingruben und selbst kleinste Geländegewinne nur unter grossen Opfern erreicht werden konnten. Dies wirkte sich auch auf Verdun aus. Nachdem die Hälfte der Zivilbevölkerung evakuiert worden war, wurde die Stadt zur Etappe, in der sich die Fronturlauber die kalten und nassen Unterstände des Schlachtfeldes verdrängen konnten.

Mit Beginn des Stellungskrieges änderte sich auch auf französischer Seite die Verteidigungskonzeption. Am 5. August wurde Verdun von der Liste der Festungen gestrichen, teilweise entwaffnet und Materialdepots aufgelöst. Bis zum 15. Oktober hatte man 43 schwere und 11 leichte Batterien mit 128.000 Schuss Munition abgezogen. Verdun wurde in den Festungsbezirk Verdun eingegliedert, der sich von Avocourt nach St. Mihiel erstreckte und über 630 Geschütze verfügte, insgesamt aber trotzdem stark geschwächt worden war.

Aufgrund der Niederlagen der Entente an der Ostfront rechnete man auf deutscher Seite mit einer Frühjahrsoffensive der englisch-französischen Armee. Die Oberste Heeresleitung entschied sich nun für einen Zangenangriff der 5. Armee Kronprinz Wilhelm von Preußens über beide Maasufer auf Verdun und stellte die Erzwingung eines baldigen Friedens im Osten wieder zurück. Zwar dürfte auch die Schwächung der Festung Verdun der deutschen Seite nicht verborgen geblieben sein, doch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass man aus optischen Gründen einen Erfolg des Thronfolgers gerade in Verdun zur Stärkung des Durchhaltewillens in der Heimat wünschte. So zog man ab Dezember 1915 in den Wäldern von Spincourt, Consenvoye und Montfaucon sieben deutsche Armeekorps mit 1200 Geschützen aller Kaliber zusammen. Am 21. Februar wurde auf der gesamten Frontbreite zwischen Malancaourt und Woevre gegen 7.15 Uhr ein Trommelfeuer eröffnet, dass nachmittags weiter vorverlegt wurde

Gleichzeitig erfolgte auf einer Breite von 10 km zwischen Brabant und Ornes der Angriff von drei deutschen Armeekorps. Unter großen Verlusten verhinderten die französischen Truppen ein weiteres Vordringen der Deutschen als 1500 m. Auch die Nacht hindurch wurde der Frontabschnitt mit Trommelfeuer belegt. Am 22. Februar wurde der Wald von Haumont und am 23. Februar Brabant genommen und die Orte Ornes und Beaumont bedroht. Tags darauf kam der deutsche Angriff an der Linie Bezonvaux-Louvemont-Côte de Talou bzw. Champneuville zum Stehen, da die erschöpften Truppen abgelöst und die Artillerie nach vorne verlegt werden musste. Auf französischer Seite wurde die Gelegenheit genutzt, die groben Verluste notdürftig zu ersetzen. Petain übernahm das Oberkommando und richtete sich in Souilly ein. Am 25. Februar wurden die Fort Hardaumont (wesentlich der Maas) und Douaumont und Louvemeont von deutschen Truppen genommen. Nun schien der Fall von Verdun unmittelbar bevor zu stehen, so dass man sich entschloss, die übrig gebliebene Zivilbevölkerung in offenen Waggons der Maasbahn bei Eis und Schnee in das 60 km entfernte Bar-le-Duc zu evakuieren. Unterdessen gelang es aber Pétain die 1915 geräumten Forts auf den Maashöhen wieder zu bewaffnen und ständig zu besetzen. Damit kam der deutsche Angriff am 27. Februar zum Stehen.

Da die Offensive erfolglos geblieben war, änderte man die Strategie und wollte im Rahmen eines Er­schöp­fungskrieges möglichst viele französische Truppen in Verdun binden und sie dort ausbluten zu lassen. Die Heftigkeit der deutschen Angriffe hatte eine starke Beeinträchtigung der französischen Kampfmoral zur Folge, was zu Meutereien führte, derer die französische Heeresleitung nur durch Dezimierung mehrerer Regimenter Herr werden konnte. D.h. jeder zehnte Soldat wurde standrechtlich erschossen. So dehnte man ab dem 6. März die Front weiter bis Avocourt aus und führte Offensiven auf beiden Ufern der Maas. Auf dem linken Ufer war die Hauptangriffslinie Vaux - Fleury - St. Mihiel, auf dem rechten Ufer Behincourt - Forges.

Dies beeinträchtigte auch die Versorgungslage Verdun und der französischen Truppen. Nach der Unterbrechung der Bahnlinie Paris-Châlons-Verdun gab es als Versorgungslinien nur die kleine Maasbahn, die 800 Tonnen täglich transportieren konnte und die 1923 so genannte "Route sacrée" (Heilige Straße). Auf der rd. 75 km langen und 7 m breiten Straße wurden täglich etwa 15-20000 Soldaten und 2000 Tonnen Munition und Verpflegung von Bar-le-Duc nach Nixeville transportiert. Die Beanspruchung des aus Kalkstein bestehenden Straßenbelags war so groß, dass in den ersten zehn Monaten der Schlacht um Verdun rd. 700 000 cbm Steine aus am Rand der Straße errichteten Steinbrüchen aufgeschüttet werden mussten. Eine Reifenfabrik wurde errichtet, um die schnell verschleißenden Lkw-Vollgummireifen ersetzen zu können.

Es kam immer wieder zu Versuchen, die Front in Bewegung zu bringen. So scheiterte ein deutscher Vorstoß am 9. April, General Mangin scheiterte bei seinem ersten Versuch, den Douaumont zurückzugewinnen. Am 2. Juni eroberten die Deutschen Fort Vaux, Ende Juni Thiaumont und das Dorf Fleury. Während der Kämpfe bei Froideterre und in der Souville-Schlucht gelang es, bis auf drei Kilometer an die Vororte Verduns heranzukommen. Erneut schien Verdun bedroht, diesmal rettete die Offensive der französischen und britischen Truppen an der Somme, da die deutschen Truppen nach dort verlegt werden mussten und ihre Offensive am 24. Juni einstellten.

Nach langer Artillerievorbereitung begann am 24. Oktober die französische Gegenoffensive. General Mangin eroberte den zwischen Thiaumont und La Lauffee von sieben deutschen Divisionen gehaltenen Frontabschnitt zurück. Nachmittags wurde der Douaumont und weitere wichtige Stellungen zurückerobert und die deutschen Truppen bis in den Forêt des Caillettes zurückgeworfen. Fort Vaux wurde deutscherseits aufgegeben und teilweise gesprengt, am 2. November von den Franzosen wieder besetzt und teilweise instandgesetzt. Damit war das gesamte seit dem 24. Februar verlorene Gebiet zurückgewonnen. Am 15. Dezember folgte die nächste Offensive Mangins mit insgesamt acht Divisionen über Vacherauville, Côte du Poivre, Louvemont und Bezonvaux. Die deutsche Frontlinie musste zurückverlegt werden und wurde etwa fünf Kilometer von Fort Souville entfernt neu errichtet. Die deutsche Offensive auf Verdun war gescheitert. Verdun hatte nun bis zum Waffenstillstand am 9. November 1918 nur noch logistische Bedeutung. Zwar bemühte sich der Standortkommandant von Verdun im Frühjahr um Verteidigungsanlagen für die halbzerstörte Stadt, die Arbeiten an den relativ leichten Befestigungen gingen aber aus Mangel an Arbeitskräften und Material nur langsam voran und wurden schließlich auch nicht mehr benötigt, da es General Guillaumat im August 1917 gelang, mit einem Doppelangriff auf beiden Maasufern Verdun aus der Umklammerung zu befreien. Sein Ziel, weiter nach Osten vorzustoßen, wurde aber nicht erreicht. Die folgenden zwölf Monate waren wieder vom Stellungskrieg gekennzeichnet. Ende August 1918 wurde die Überlegenheit der inzwischen durch amerikanische Truppen verstärkten Entente immer deutlicher. Die deutschen Truppen zogen sich auf die Siegfriedlinie zurück. Später musste auch diese teilweise geräumt werden. Am 11. November 1918 wurde im Wald von Compiègne der Waffenstillstand unterzeichnet. Der Erste Weltkrieg war zu Ende.

Dr. Klaus Reimer